Politische Organisation, Macht und Herrschaft waren schon immer bedeutende Themenfelder in der Ethnologie. Der Fokus lag während langer Zeit auf „politischen Systemen“ als funktionale Einheiten in kleinen Gesellschaften. Die gegenwärtige ethnologische Forschung legt hingegen einen grösseren Schwerpunkt auf Konflikte, Veränderungen und Transformationen im Rahmen grösserer politischen Einheiten und vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt. Wir betrachten Politik als jenen Prozess, in welchem Gesellschaften über ihre eigenen Ziele verhandeln und über die Mittel, diese zu erreichen. Politische Organisation repräsentiert jene Machtverhältnisse, welche den Prozess und das Ergebnis dieser Verhandlungen beeinflussen. Die Erforschung politischer Transformationen untersucht also die wesentlichen Berührungspunkte von Prozessen (oft globaler) sozialer Veränderungen und den Lebensrealitäten verschiedener Individuen. In der Erforschung politischer Transformationen sind Institutionen zentral, obwohl eine angemessene Analyse derjenigen nicht möglich ist ohne eine Rückkehr zur Betrachtung der individuellen Handlungen, durch welche sie geformt und transformiert werden. Politische Institutionen wie der Staat, zivilgesellschaftliche Gruppen, traditionelle Autoritäten oder eine Dorfversammlung werden erst effektiv und greifbar durch die Handlungsmacht von Personen, welche ihre Handlung darauf ausrichten. Politische Transformation (die Reproduktion und die Veränderung von politischen Institutionen durch soziale Akteure) ist also intrinsisch im Zentrum politischer Anthropologie. In der heutigen Welt ist dies umso mehr der Fall in Anbetracht der globalen Reichweite politischer Institutionen, politischer Entscheidungen und politischer Orientierungen. Die Forschungsgruppe Political Anthropology am Ethnologischen Seminar der Universität Basel konzentriert sich auf gegenwärtige politische Veränderungen in Subsahara-Afrika und in Ozeanien. In einer theoretischen Herangehensweise versuchen wir, die Analyse von Handlung auf der Mikroebene einer Stadt oder eines Dorfes mit dem Fokus auf der Institutionalisierung der Zivilgesellschaft und staatlicher Institutionen zu kombinieren. Wir betrachten diese unterschiedlichen Levels als notwendigerweise miteinander verbunden. Diese Herangehensweise führt einerseits zu einer pluralistischen Methodologie, andererseits zu einer thematischen Fokussierung auf folgende drei miteinander verwobenen Forschungsschwerpunkte:

Staat und Staatlichkeit

Der Staat ist zur weltweit vorherrschenden Form grossformatiger politischer Organisation geworden, aber Staatsmacht bedeutet grundlegend andere Dinge in unterschiedlichen Ländern. "Schwache" oder "gescheiterte" Staaten werden als grosse Bedrohung sowohl der zivilen Sicherheit, des Weltfriedens aber auch der individuellen Lebensqualität wahrgenommen. Jedoch vermag diese Kategorisierung auf der Basis westlich konzeptualisierter Staatlichkeit die realen Funktionsweisen staatlicher Institutionen in Afrika oder in Ozeanien nicht zu fassen. Eine genauere Betrachtung bringt hinter formalen staatlichen Institutionen viele unterschiedliche Realitäten hervor. Ohne das Verstehen gelebter Realitäten von Staatlichkeit kann eine politische Intervention, die den Staat miteinbezieht, nicht erfolgreich sein.

Nichtstaatliche Akteure als politisch wirksame Kraft

Alte und neue Akteure neben dem Staat gewinnen zunehmend an Bedeutung für das politische Leben auf allen Ebenen. Zivilgesellschaftliche Institutionen, NGOs, Konzerne, aber auch "traditionelle" Jägerorganisationen, integrierte ethnische Gruppen oder neu gegründete Kirchen spielen eine wichtige Rolle als Ergänzung, Gegenspieler oder Ersatz des Staates. In der politischen Theorie des Westens stärken sich die Zivilgesellschaft und der Staat in einem wechselwirkenden System gegenseitiger Kontrolle. Doch ist dieses Konzept überhaupt brauchbar zur Beschreibung politischer Realitäten in afrikanischen oder ozeanischen Staaten? Welche anderen analytischen Werkzeuge bieten sich an, um dieses Verhältnis von Staat und Gesellschaft zu beschreiben? Welchen Einfluss haben neue Akteure auf die Entwicklung staatlicher Institutionen? Welche Konsequenzen hat dies auf die Fähigkeit einer Gesellschaft, über ihre eigene Zukunft neu zu verhandeln?

Vertrauen und gesellschaftliche Neukonfiguration nach einer Konfliktsituation

Vertrauen ist eine der wesentlichen Faktoren für eine erfolgreiche gesellschaftliche Zusammenarbeit. Keine Gesellschaft kann existieren, ohne dass ein gewisses Grad an generalisiertem Vertrauen; ein hoher Grad an Vertrauen macht soziales Leben effizienter und weniger beschwerlich. Erfährt eine Gesellschaft eine Periode gewalttätiger Auseinandersetzung, verschwindet Vertrauen jedoch nicht einfach, sondern es wird transformiert: Individuen spüren weniger Vertrauen in den „generalisierten Anderen“ und mehr Vertrauen in spezifische Personen. Sphären von Vertrauen wandeln sich also in Vertrauenslinien. Wie kann nach einer gewalttätigen Krise das soziale Vertrauen wiederaufgebaut werden? Welche Wege führen von personalisiertem zu generalisiertem sozialen Vertrauen?

In jedem dieser drei Forschungsschwerpunkte versuchen wir, ein ethnographisches Interesse auf der Mikroebene alltäglicher Interaktionen mit einem grösseren Blick auf institutionelle und soziale Veränderungen auf der Makroebene zu vereinen.