Visual Culture in einem breiten Sinn ist alles, was gesehen wird, was zur Betrachtung geschaffen wird, und die Art und Weise, wie es betrachtet wird. Visual Culture ist auch ein wachsendes interdisziplinäres Studienfach, welches aus der Interaktion zwischen Ethnologie, Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und anderen Disziplinen entstanden ist, welche sich auf visuelle Gegenstände konzentrieren oder auf die Art, wie Bilder und Abbildungen kreiert und in einer Gesellschaft eingesetzt werden. Dementsprechend ist eine fortwährende Debatte darüber im Gange, was Visual Culture ist und wie sie analysiert werden soll. Visual Culture kann alles beinhalten von Landschaften und Artefakten über bildende und darstellende Künste und gebauter Umgebung, bis hin zu alten und neuen Medien. Visual Culture ist jener Teil der Kultur, welcher durch visuelle Mittel kommuniziert wird. Eine grundlegende Annahme, welche von den meisten Visual Culture Forschenden geteilt wird, ist, dass dieser spezifische Teil der Kultur in sich selber verstanden werden muss: Visuelle Kommunikation basiert auf einer anderen phänomenologischen Ebene als verbale Kommunikation und stimuliert andere Arten von Verstehen. Visual Culture Forschende greifen somit auf eine breite Palette von Vorgehensweisen zurück, welche von den Geisteswissenschaften bis zu den Sozial- und Naturwissenschaften reichen. Während Forschende aus der Sparte der Kunstwissenschaften oft das Objekt als Ausgangspunkt nehmen, gehen EthnologInnen eher von der Praxis der Produktion und Verwendung aus. In Visual Culture als interdisziplinäres Untersuchungsfeld kommen diese sich ergänzenden Perspektiven zusammen.

Die Forschungsgruppe Visual Culture am Ethnologischen Seminar der Universität Basel sieht ihren Untersuchungsgegenstand in diesem breiteren Sinn, fokussiert aber auf bestimmte Aspekte. Trotzdem bevorzugt unsere Forschungsarbeit nicht eine bestimmte Sphäre der Kultur und Gesellschaft; Wir untersuchen das Visuelle ohne eine vordefinierten Grenze und schliessen sowohl bildende als auch populäre Künste mit ein. Wir wählen eine Herangehensweise, welche über die Dichotomie von Objekt und Praxis hinausgeht und verschiedene methodologische Herangehensweisen kombiniert. Folgende drei Untersuchungsstränge, welche als querschneidend über alle etablierten Disziplinen zu verstehen sind, sind zentral für die Arbeit der Forschungsgruppe Visual Culture:

Produktion, Verwendung und Rezeption

Indem Visual Culture als Prozess betrachtet wird, an welchem sowohl Individuen als auch Gruppen partizipieren, wollen wir die einseitige Untersuchung von individueller Kreativität und gesellschaftlicher Handlungsmacht überwinden. Wir sind überzeugt, dass das Zusammenspiel von Produktion, Verwendung und Rezeption des Visuellen, und die daran beteiligten Akteure uns helfen zu verstehen, wie Visual Culture in einer Gesellschaft entsteht.

Intentionalität und Praxis

Wir analysieren die Art und Weise, in welcher Bilder betrachtet werden und wie sich die daraus entstehenden, sich durch Praxis auszeichnende gesellschaftlichen Bilder verändern. Damit hoffen wir besser zu verstehen, wie Visual Culture gesellschaftliche Praxis formt. Wir versuchen also, ein Verständnis für jenes Wissen zu entwickeln, welches nicht auf der westlichen Privilegierung von Sprache und Text basiert.

Intermedialität und Transformation

Indem wir betrachten, wie sich spezifische Themen und Fragen von einen Medium zum andern bewegen, und wie Medien neue Themen und Repräsentationsweisen generieren, befassen wir uns mit der Bedeutung visueller Objekte und Medien mit ihren inhärenten Eigenschaften. Wir versuchen also zu verstehen, wie Objekte und Medien die Art der Betrachtung verändern, und wie diese durch kulturelle Praxis transformiert werden.

Die Forschungsprojekte am Ethnologischen Seminar befassen sich oft mit einer dieser transversalen Themen, aber sie versuchen ebenfalls immer, alle drei Stränge zu integrieren.